Bauernschlau: Kleinkraftwerk auf 2.500 m Höhe

Wer wissen will, wie die Zukunft der Energieversorgung aussieht, muss Bergwandern gehen. Hoch in den Alpen, weitab von den Metropolen und Ballungsgebieten, betreiben fortschrittliche Bergbauern modernste dezentrale Kleinkraftwerke.

Alpines Kleinkraftwerk, ca. 2.500 Meter über N.N.

Dieses solarbetriebene Weidezaungerät repräsentiert nichts weniger als das Modell für die Energieversorgung der Zukunft: Ein dezentrales Kleinkraftwerk, gespeist aus erneuerbarer Energie, mit dezentralem Stromspeicher und einem lokalen (Weidezaun-)Netz als „Microgrid“. Energieerzeugung, -speicherung und -verbrauch finden am selben Ort statt. Das ist effizient, flexibel und macht unabhängig. 

Die Bergbauern haben es eben immer schon gewusst: Die Zukunft ist dezentral. Ein wenig mehr Bauernschläue auf Seiten der Stromkonzerne und in der Energiepolitik würde uns hier im Flachland sicher nicht schaden.

Strauchelnde Stromkonzerne sind normal!

Dass Märkte sich nicht linear und in friedlicher Idylle entwickeln, sondern mit Brüchen und Begleitschäden, gehört zum kleinen Einmaleins der Ökonomie. Neue Technologien und Produktionsfaktoren setzen sich durch und verdrängen alte Strukturen, die dadurch zerstört werden. Diese so genannte „schöpferische Zerstörung“ ist kein Fehler im System, sondern zwingend notwendige Begleiterscheinung von Innovationen in Technik und Markt. Warum fällt das im Falle der Energiebranche vielen so schwer, zu akzeptieren?

Die Situation der großen Stromkonzerne spitzt sich weiter zu. Vattenfall denkt laut über einen Rückzug aus Deutschland nach, EnBW meldet einen massiven Gewinneinbruch. Die traditionellen Geschäftsmodelle der großen Versorger “tragen nicht mehr”, hatte EnBW-Chef Frank Mastiaux im Juni gesagt. Ähnlich äußerte sich auch RWE-Chef Peter Terium auf der letzten Bilanzpressekonferenz und erwartet einen dramatischen Gewinnrückgang. Tatsache ist: Dezentrale Stromerzeugung durch Photovoltaik und Windkraft ist erschwinglich geworden und breitet sich deshalb immer mehr aus. Das stellt das alte, zentralistische Geschäftsmodell der Konzerne grundsätzlich in Frage.

Dass die Konzerne lautstark darüber lamentieren und alles versuchen, um diesen Prozess zu stoppen, ist verständlich. Wir sollten uns davon und von den kleinteiligen, durch Konzern-Lobbyismus geprägten politischen Debatten um EEG-Umlagen, Ausnahmeregelungen etc. jedoch nicht einnebeln lassen. Stattdessen sollten wir es als das sehen, was es ist: Symptom eines völlig normalen wirtschaftlichen Prozesses – schöpferische Zerstörung.

Eine Abwandlung dieser Idee hat der US-amerikanische Ökonom Clayton Christensen in seinem Buch „The Innovators Dilemma“ formuliert: Er spricht von „disruptiven Technologien“, die den Markt aufmischen und letztendlich neu ordnen. Eine disruptive Technologie ist eine Innovation, die geeignet ist, eine bestehende Technologie und bestehende Marktstrukturen möglicherweise vollständig zu verdrängen. Anschauliches Beispiel ist das Aufkommen der Digitalfotografie, das analoge Fotografie praktisch völlig verdrängt hat. Disruptive Technologien entstehen in der Regel in abgelegenen Nischen des Marktes und vor allem ohne dass die etablierten Anbieter dies erwarten. Als Nischenprodukte mit kleinem Marktvolumen sind sie für die Platzhirsche zunächst nicht interessant. Sobald sie jedoch technisch ausgereift sind, verzeichnen sie ein extremes Wachstum, und sind dadurch in der Lage, vorhandene Märkte komplett oder teilweise zu verdrängen.

Genau das geschieht derzeit auf dem Elektrizitätsmarkt: Die erneuerbaren Energien und dezentralen Erzeugungstechnologien waren zunächst etwas für „Ökos“ und Enthusiasten. Klein und margenschwach mussten sie zu Beginn durch Subventionen gestützt werden. Inzwischen aber sind sie technisch deutlich weiterentwickelt, und vor allem sehr viel billiger und damit erschwinglich geworden. Gleichzeitig – und befeuert durch die sinkenden Kosten – steigt die Nachfrage extrem an.

Es spricht also einiges dafür, dass sich der Energiemarkt in einer disruptiven Phase befindet. In anglo-amerikanischen Medien wird dies inzwischen zunehmend so gesehen, wie z.B. Artikel im Forbes-Magazine oder dem Energy Law Journal zeigen. Hierzulande hat kürzlich der Blog Phasenprüfer diese Auffassung vertreten. Auch der Befund der Investmentbank UBS in Ihrer am 20. August veröffentlichten Branchenstudie geht eindeutig in diese Richtung: „Power is no longer something that is exclusively produced by huge, centralised units owned by large utilities.“ und weiter: „Large-scale power generation, however, will be the dinosaur of the future energy system: Too big, too inflexible, not even relevant for backup power in the long run.“

In der öffentlichen Debatte wird dies jedoch bisher kaum in dieser Deutlichkeit ausgesprochen. Sie ist geprägt von kleinteiligen Scharmützeln um Detailfragen und den Kampf der Konzerne um Ihre Erbhöfe. Dabei wäre die Betrachtung des Themas in einem größeren wirtschaftlichen Zusammenhang einem Großprojekt wie der Energiewende angemessen. Und ehrlicher wäre es auch.

EEG-Reform: Kapitulation vor den Lobbyisten der Stromkonzerne

Die Lobbyisten der großen Stromkonzerne sind in Feierlaune: Die EEG-Reform soll noch im Juni im Bundestag beschlossen werden. Und mit ihr die Zwangsabgabe auf selbsterzeugten Strom.

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, ist es bald amtlich: Selbst erzeugter Strom, der direkt vor Ort verbraucht wird, ohne auch nur einen Millimeter im öffentlichen Netz zurückzulegen, soll künftig mit einer Umlage belastet werden. Und weil das so widersinnig ist, dass man es vielleicht beim ersten Lesen nicht glauben mag, hier nochmal im Klartext: Statt zu zahlen, weil man eine bestimmte Leistung in Anspruch nimmt, wie es in der Wirtschaft allgemein üblich ist, gilt jetzt einfach das Gegenteil: Ab Juli muss gezahlt werden, weil man einen bestimmte Leistung gerade nicht in Anspruch nimmt. Nämlich den Strom der großen Stromkonzerne.

Wie absurd diese Idee ist, wird deutlich, wenn man diese Logik weiterspinnt, wie in den Medien und im Internet vielfach geschehen. Die Vorschläge reichen von einer Solidaritätsabgabe auf selbst gezogene Tomaten (zugunsten von Supermärkten, in denen diese Tomaten ja dann nicht gekauft werden können), auf selbst gebackenes Brot (zugunsten der Bäckereien), bis hin zu Fahrradfahren (zugunsten des ÖPNV). Die Experten-Plattform Top50 Solar Experts weist zurecht darauf hin, dass streng genommen auch Besitzer solarbetriebener Taschenrechner, Uhren und Taschenlampen eine solche Umlage zahlen müssten. Und nicht zu vergessen: Auch der Strom aus dem Fahrraddynamo ist natürlich umlagepflichtig.

Leider ist das Thema keineswegs so lustig wie diese Analogien. Traurige Tatsache ist, dass die Bundesregierung mit dieser Zwangsabgabe vor der Macht der großen Stromkonzerne kapituliert hat und an einem Stromversorgungssystem festhält, das zentralistisch, unflexibel und gestrig ist. Die dezentrale und effiziente Stromversorgung für Privathaushalte, Großimmobilien und mittelständische Industrie wird damit wieder unrentabel, wichtige Erfolge der Energiewende über Bord geworfen. Und die Prinzipien der Marktwirtschaft als sinnvolle Steuerungsmechanismen und Leitlinien politischen Handelns gleich mit.

Dass Stromkonzerne in diesem Zusammenhang mit “Netzsolidarität”  und “gemeinsamer Anstrengung für die Energiewende” argumentiert haben, ist mehr als scheinheilig – es ist dreist. Wer jahrzehntelang als Oligopolist mit Leichtigkeit satte Gewinne eingefahren hat, wird jetzt nicht sein soziales Gewissen entdeckt haben. Tatsächlich geht es um den Verlust von Macht und Geld. In den letzten Jahren hat es auf dem Markt für dezentrale Versorgungslösungen bedeutende Innovationen und Entwicklungen gegeben. Sie haben untermauert, dass die dezentrale Energieversorgung eine zentrale Rolle dabei spielen kann, die eine Energiewende im besten Sinne des Wortes voranzubringen. Die EEG-Reform tut das Gegenteil. Sie zementiert alte Macht- und Marktstrukturen und wirft uns um Jahre zurück.

Google initiative will lease solar panels to consumers

Quelle: engadget.com Google investiert weitere 100 Mio. Dollar in Erneuerbare Energien, allerdings diesmal nicht zur Versorgung der eigenen Rechenzentren, sondern als als Leasing-Modell für Privathaushalte. Die Leasing-Rate soll dabei günstiger sein, als der Strompreis. Realisiert wird das Angebot durch ein Joint Venture mit dem Solarzellenhersteller SunPower.

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